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Aktuelles

Gutachten zur Neustrukturierung des Klinikums Landkreis Tuttlingen

Im März 2019 hatte der Kreistag ein Gutachten zur Umstrukturierung des Klinikums Landkreis Tuttlingen und des Standortes Spaichingen in Auftrag gegeben. Auftrag des Gutachters war es, die beiden von Klinikleitung und Landkreis sowie der Klinikinitiative Spaichingen vorgelegten Konzepte zur Weiterentwicklung des Klinikums Landkreis Tuttlingen auf medizinischer, organisatorischer und personeller Basis zu überprüfen und zu bewerten. Des Weiteren sollten mögliche Entwicklungsperspektiven für den Standort Spaichingen sowie die ambulante Versorgung im Landkreis untersucht und daraus Optionen und Empfehlungen für die künftige Ausrichtung abgeleitet werden. Ziel ist es, für die Menschen im Landkreis Tuttlingen eine bestmögliche Gesundheitsversorgung anbieten und sicherstellen zu können.

Die Ergebnisse des Gutachtens und die Empfehlungen des Gutachters wurden dem Kreistag in einer Klausursitzung am 27. September 2019 durch das beauftragte Büro Oberender aus Bayreuth vorgelegt. Der Gutachter empfiehlt die stufenweise Zusammenführung der stationären Angebote in Tuttlingen und den Aufbau eines intersektoralen Gesundheitszentrums in Spaichingen.

Über die Vorschläge und Empfehlungen des Gutachtens wird in der öffentlichen Kreistagssitzung am 24. Oktober 2019 beraten und weitere Schritte beschlossen werden.

Hier finden Sie Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um das Gutachten:

Wie ist die Ausgangssituation und wie verhalten sich die Patienten aus dem Landkreis heute?

Das Gutachten hat in einem ersten Schritt die Marktanteile der einzelnen Standorte untersucht und kommt zu folgendem Ergebnis: Der Marktanteil des Klinikums liegt insgesamt bei 44 Prozent, davon werden 79 Prozent der Leistungen in Tuttlingen erbracht, 21 Prozent in Spaichingen. Aus dem südlichen Landkreis lassen sich rund zwei Drittel der dort behandelbaren Patienten in Tuttlingen behandeln; im Norden lassen sich nur 28 Prozent der Patienten mit einer in Spaichingen behandelbaren Krankheit auch dort behandeln, während 22 Prozent nach Tuttlingen gehen. Dies zeigt, dass sich die Bevölkerung bereits eindeutig hinsichtlich der Standorte orientiert (siehe auch Grafik).

Heute schon hat Spaichingen mit den Fachabteilungen der Akutgeriatrie, der Konservativen Orthopädie (Schmerztherapie) und der Plastischen Chirurgie den Charakter einer Fachklinik mit einem geringen Anteil an der Grund- und Regelversorgung; die internistische Versorgung konzentriert sich immer mehr in Tuttlingen. In Spaichingen wird vor allem durch das Geriatrie-Team eine hohe Qualität unter schwierigen Rahmenbedingungen erbracht. Allerdings ist das Setting mit zu langen Verweildauern und notwendigen Transporten zwischen den Standorten für die Patienten nicht ideal.

Was schlagen die beiden im Gutachten untersuchten Konzepte genau vor?

Das Konzept der Klinikleitung sieht vor, dass die stationären Leistungen Spaichingens in Tuttlingen konzentriert und insbesondere die Abteilungen Innere Medizin und Geriatrie entsprechend nach Tuttlingen verlagert werden. Dies würde 83 stationäre Betten betreffen. Weitere 30 Betten würden im ersten Schritt für die Konservative Orthopädie und die Plastische Chirurgie in Spaichingen erhalten bleiben. In einer zweiten Stufe sollen, sobald die baulichen Voraussetzungen in Tuttlingen geschaffen sind, auch die restlichen Abteilungen nach Tuttlingen umziehen.

Das Konzept der Klinikinitiative dahingegen unterbreitet den Vorschlag, dass die Inneren Medizin stark auf geriatrische Medizin ausgerichtet, der Fokus auf Diabetologie verstärkt und die Abteilung auf ca. 35 Betten verkleinert wird. Dazu soll die Abteilung Geriatrie ausgebaut und deren Bettenanzahl aufgestockt werden. Konservative Orthopädie und Plastische Chirurgie würden ebenfalls am Standort Spaichingen erhalten bleiben.

Wie bewertet das Gutachten die beiden Konzepte?

Aus den Ergebnissen der umfassenden Analysen leitet der Gutachter schwerwiegende medizinische und organisatorische Gründe ab, die für eine Verlagerung der stationären Angebote des Standorts Spaichingen an den Standort Tuttlingen sprechen, um das Klinikum Landkreis Tuttlingen langfristig zukunftsfähig aufstellen zu können.

Bei der Bewertung des von der Klinikinitiative vorgelegten Konzeptes äußert der Gutachter Bedenken vor allem im Hinblick auf die personelle Umsetzbarkeit. Auch ein Ausbau der stationären Diabetologie wird aufgrund der zunehmenden Ambulantisierung als schwierig eingeschätzt. Ebenso werden der angedachten Leistungssteigerung in der Geriatrie wenig Chancen zugerechnet. Insgesamt bewertet das Gutachten die Fortführung des Standortes Spaichingen unter dem von der Klinikinitiative vorgeschlagenen Konzept als ökonomisch nicht tragfähige Lösung.

Aus medizinischer Sicht sprechen insbesondere die Verbesserungen in der Geriatrie (schnellere Behandlung, kein Patiententransport, kürzere Liegezeiten), aber auch viele weitere operative Vorteile für eine Ein-Standort-Lösung.

Schon heute stellt die Findung von ärztlichem und pflegerischem Personal kleinere Krankenhäuser vor große Herausforderungen. Der Gutachter ist überzeugt, dass sich dieser Trend weiter verstärken und die Personalfindung für den Standort Spaichingen zusätzlich erschweren wird. Hinzu kommen gesetzlich vorgegebene Personaluntergrenzen, die in größeren Einheiten besser eingehalten werden könnten. Für eine Zusammenführung der stationären Angebote in Tuttlingen spricht nach Ansicht des Gutachters auch die flexiblere und effektivere Gestaltung von Dienstmodellen und dadurch eine Entlastung des Personals.

Es ist heute schon bekannt, dass es personelle Änderungen zulasten des Standortes Spaichingen geben wird – falls keine Zusammenführung der Häuser erfolgt. Aufgrund des fehlenden Personals werden die Fallzahlen in Spaichingen deutlich einbrechen. Die Bündelung des Personals am Standort Tuttlingen bietet zudem Chancen bei der Personalsuche nach Pflegekräften und Ärzten. Fachliche Weiterbildung und ein attraktives Arbeitsumfeld sind starke Argumente als Arbeitgeber.

Die wirtschaftliche Bewertung der Konzepte ergibt, dass das Konzept der Klinik die Chance bietet, das Jahresergebnis zukünftig zu stabilisieren. Eine nur geringe Veränderung am Standort Spaichingen würde die Zukunftsprobleme des kleinen Hauses hingegen nicht lösen können.

Insgesamt ermöglicht die engere Vernetzung an einem Standort Synergieeffekte und eine bessere medizinische Versorgung. Aus medizinischen, organisatorischen, personellen und ökonomischen Gründen empfiehlt das Gutachten deswegen die Verlagerung der stationären Angebote an den Standort Tuttlingen.

Inwiefern ist die Notfallversorgung betroffen und was bedeutet dies für den Landkreis?

Zur Notfallversorgung gehören der Rettungsdienst, die ambulante (Notfall-)Versorgung sowie die Notaufnahme im Krankenhaus (siehe auch Fallbeispiele in Grafik) . Die notfallmedizinische Versorgung und Betreuung von Patienten innerhalb des Landkreises hat höchste Priorität und bleibt in jedem Fall erhalten. Bereits in der Vergangenheit wurden Maßnahmen ergriffen, um die Notfallversorgung zu verbessern. Die neue Rettungswache in Mühlheim markierte den Startschuss für weitere geplante Einrichtungen zugunsten des Rettungsdienstes.

Der Notarztstandort und der Rettungsdienst bleiben in Spaichingen vollumfänglich erhalten. Zusätzlich ist vorgesehen, dass ein weiterer Notarztstandort auf dem Heuberg eingerichtet wird.

Die ambulante Notfallversorgung der Kassenärztlichen Vereinigung mit der KV-Notfallpraxis in Tuttlingen und den Fahrdiensten sowie Hausbesuchen bleiben unverändert bestehen. Mit der Verlagerung der Inneren Medizin und der Akutgeriatrie nach Tuttlingen wird in Spaichingen die bisherige Notaufnahme entfallen.

Patienten mit einem Notfall werden weiterhin vom Rettungsdienst in ein Krankenhaus gebracht, das für die Versorgung des Notfalls ausgerüstet ist. Mit der Konzentration der medizinischen Leistungen in Tuttlingen wird dort auch eine bessere Versorgung von Notfallpatienten möglich sein.

Was schlägt das Gutachten für den Standort Spaichingen vor?

Das Gutachten empfiehlt für die Stärkung des Standortes Spaichingen und die Weiterentwicklung im ambulanten Bereich ein Intersektorales Gesundheitszentrum (IGZ). In diesem Zentrum sorgen auf der einen Seite niedergelassene Ärzte für internistische und hausärztliche Angebote, auf der anderen Seite können Patienten dort auch für kurze Zeit stationär behandelt werden. Dies wird mit einer Bettenstation, einer sogenannten erweiterten Ambulanten Versorgung (EAV), sichergestellt. Die ärztliche Betreuung erfolgt dabei durch niedergelassene Ärzte, die ihre Patienten, die eine Behandlung oder Beobachtung unterhalb des hohen Standards eines Krankenhauses bedürfen, dort einweisen und weiter betreuen. Eine Versorgung durch Pflegekräfte rund um die Uhr ist sichergestellt. Das Ziel ist es, unter Einhaltung des Facharztstandards die regionale Gesundheitsversorgung mit Schwerpunkt auf allgemeinärztliche, internistische und weitere konservative Angebote sicherzustellen.

Das im Gutachten beschriebene Konzept sieht vor, dass als Grundlage des IGZ das bereits in Spaichingen bestehende Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) dienen könnte. Während das MVZ durch die haus- und fachärztliche Versorgung in Praxen die klassische ambulante Therapie abdeckt, können durch die EAV über eine bettenführende Einheit auch internistische und chirurgische Fälle bedient werden, die eine kurzstationäre Überwachung und Behandlung benötigen (siehe auch Grafik).

Diese Versorgungsform gibt es zwar in anderen europäischen Ländern aber bisher Regelangebot noch nicht. Deshalb sind Selektivverträge mit den Krankenkassen notwendig. Dieses Konzept wurde 2018 im Auftrag der Kassen entwickelt, stößt seither auf großes Interesse und ist andernorts bereits in der Umsetzung.

Wieso kann der Standort Spaichingen nicht so ausgebaut werden, dass er neben TUT tragfähig ist?

Um einen zukunftsfähigen Klinikstandort in Spaichingen zu schaffen, müssten dort die gleichen Angebote in gleicher Größenordnung wie am Standort Tuttlingen geschaffen werden. Voraussetzung für eine Auslastung eines zweiten Standorts dieser Größenordnung wäre allerdings auch eine Verdoppelung des Einzugsgebiets, sprich eine Verdoppelung der Landkreisbewohner. Ein Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung wie im Landkreis Tuttlingen benötigt ein Einzugsgebiet von 140.000 bis 150.000 Einwohnern. Der Landkreis Tuttlingen „verträgt“ deshalb keine zwei Häuser mit doppelten Strukturen.

Wann fällt die Entscheidung?

Die Ergebnisse des Gutachtens werden am 16.10. in einer öffentlichen Informationsveranstaltung in der Stadthalle Spaichingen vorgestellt und diskutiert. Danach wird der Kreistag über die Empfehlungen des Gutachtens in der Kreistagssitzung am 24. Oktober entscheiden.

Weitere Informationen finden Sie auch in unserer Pressemitteilung vom 2. Oktober 2019: PM Gutachten liegt vor

Das vollständige Gutachten finden Sie hier: Klinikgutachten

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