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Pressemitteilungen
11.10.2021

Innovative Gesundheitskonzepte sollen medizinische Versorgung verbessern

Eine gute medizinische Versorgung der Bevölkerung hat für den Landkreis Tuttlingen oberste Priorität. Aus diesem Grund trafen sich rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kommunalen Gesundheitskonferenz zum Schwerpunktthema „Zukunft Gesundheit im Landkreis Tuttlingen“. 

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Bild: Dr. Michael Kotzerke bildet selbst angehende Mediziner aus. Von links nach rechts: Dr. Kiessler, Dr. Ugrekhelidze, Dr. Kotzerke, Dr. Javid, Frau Dr. Abbasli, Dr. Lohberger.

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass durch die steigende Lebenserwartung der Bevölkerung zukünftig verstärkt Gesundheitsleistungen in Anspruch genommen werden. Weiter macht die demografische Entwicklung auch vor der Ärzteschaft nicht halt. Aktuell können sich 23 Hausärztinnen und Hausärzte im Landkreis Tuttlingen niederlassen, denn über ein Drittel der Hausärztinnen und Hausärzte im Landkreis Tuttlingen ist über 60 Jahre alt und älter und wird in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. Bereits jetzt gibt es zu wenige junge Ärztinnen und Ärzte, die sich für den Standort Tuttlingen entscheiden. Praxen müssen schließen, eine Nachfolgeregelung wird nicht getroffen. Außerdem ist die Medizin femininer geworden. Junge Mediziner wünschen sich mehr Zeit für ein geregeltes Familienleben und eine gute Work-Life-Balance ebenso wie eine verstärkte Zusammenarbeit im Team. Es ist zu erwarten, dass die klassische Einzelpraxis zukünftig ein Auslaufmodell sein wird. Angebote zum Arbeiten im Angestelltenverhältnis und das Arbeiten in Teilzeitverhältnissen gehören zu innovativen Versorgungskonzepten der Zukunft dazu. Bevor sich die Situation weiter verschärft, nehmen die Medizinerinnen und Mediziner sowie die Kommunen die Sicherung der ambulanten Versorgung selbst in die Hand. Exemplarisch sei hier die DonauDocs-Initiative genannt.

Eine große Chance, junge Ärztinnen und Ärzte in unsere Region zu holen, sieht Dr. Kotzerke, Ärztlicher Direktor des Klinikums Tuttlingen, innerhalb eines Weiterbildungsverbundes. Durch die Gründung eines Weiterbildungsverbundes können junge Ärztinnen und Ärzte direkt nach dem Staatsexamen und der Approbation von den Universitäten in den Landkreis Tuttlingen geholt werden. So kann es gelingen, Nachfolgerinnen und Nachfolger für Hausarztpraxen zu finden. Angehende Allgemeinmediziner müssen sowohl den stationären als auch den ambulanten Bereich kennenlernen. Das heißt, sie müssen zwingend ihren Arbeitgeber und den Versorgungssektor wechseln. Im Weiterbildungsverbund Tuttlingen schließen sich das Klinikum Tuttlingen und niedergelassene Vertragsärzte zu einem Weiterbildungsverbund zusammen. Bereits jetzt ist der Landkreis Tuttlingen und sein kreiseigenes Klinikum bekannt für hervorragenden Möglichkeiten der Weiterbildung und die guten Zukunftschancen für angehende Mediziner.

Thomas Leibinger, Bürgermeister von Bubsheim, stellte ein Modell vor, dass deutschlandweit noch wenig vertreten ist und im Landkreis Tuttlingen ein absolutes Novum darstellt: die Gründung einer Genossenschaft für die hausärztliche Versorgung. Erst am 23. Juni 2021 wurde in der Gemeinderatsitzung die Gründung beschlossen. „Die Vorteile einer Genossenschaft als Träger von Arztpraxen sind vielfältig,“ erklärt Thomas Leibinger. Es soll eine Verbesserung der interprofessionellen und sektorenübergreifenden Zusammenarbeit erreicht werden. Leibinger ist überzeugt, dass vor allem für junge Ärzte mit Familie eine Anstellung attraktiver als die Selbständigkeit ist, da eine flexiblere Zeiteinteilung durch das Arbeiten in Teilzeit möglich ist. Darüber hinaus bietet das Genossenschaftsmodell eine Entlastung von Bürokratie im Arbeitsalltag. Ebenso müssen keine finanziellen Risiken von den jungen Medizinerinnen und Medizinern getragen werden. Für die erfolgreiche Umsetzung hat der Bürgermeister mit der Beratungsfirma DIOMEDES einen erfahrenen Partner ins Boot geholt und André Saliger als Geschäftsführer an seiner Seite.

Der Vorsitzende der Ärzteschaft des Landkreis Tuttlingen, Dr. Matthias Szabo, bezog klar Stellung zum Thema der ärztlichen Versorgung. „Generell lässt sich deutschlandweit der Trend beobachten, dass die Nachbesetzung von Hausarztpraxen schwierig ist. Dies ist kein spezielles Problem unseres Landkreises. Deshalb ist der Wettbewerb um Ärztinnen und Ärzte längst Realität.“ Gemeinsam mit der BKK B. Braun Aesculap hatte Dr. Matthias Szabo praktische Einblicke in innovative Versorgungsmodelle für zentrale Akteurinnen und Akteure aus dem Landkreis ermöglicht, die sich mit dem Thema Gesundheitsversorgung befassen.

Ein landkreisweites, innovatives Gesundheitsmodell entsteht mit dem Gesundheitszentrum Spaichingen. Der Geschäftsführer Michael Osypka von der Firma DIOMEDES sowie Carina Dettinger, Assistenz der Geschäftsführung, stellen die Ziele und Ideen des Gesundheitszentrums vor. „Primäres Ziel“, so Carina Dettinger „ist es, die wohnortnahe Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen und zu verbessern.“ Das Gesundheitszentrum Spaichingen will präventive, gesundheitsfördernde Maßnahmen, wie zum Beispiel eine Salzgrotte, Lichttherapie und Sauerstoffanwendungen anbieten. Diese Angebote sollen mit kurativen, pflegerischen sowie rehabilitativen Angeboten unter einem Dach vereint sein.

Darüber hinaus wird das Gesundheitszentrum eine erweiterte ambulante Versorgung (EAV) anbieten. Herr Michael Osypka stellt die Vorteile des Konzeptes heraus. „Hier können Patientinnen und Patienten, die nicht im Krankenhaus aufgenommen werden müssen, jedoch eine pflegerische Rund-um-die-Uhr-Betreuung benötigen, bis zu fünf Tage betreut werden. Zwar wären Ärztinnen und Ärzte nicht 24 h vor Ort wie in einem Krankenhaus, jedoch außerhalb der Sprechzeiten in Rufbereitschaft.“ Als weitere Arbeitsfelder stehen derzeit die Akquise von medizinischem und nichtmedizinischem Personal, eine Konzepterarbeitung für ein ambulantes OP-Zentrum sowie ein Pflegehotel, das Kurzzeitpflege mit Reha-Schwerpunkt integriert, an.

Ein sehr erfolgreiches Leuchtturmprojekt, die Suchtmedizinische Institutsambulanz (SMIA) in Tuttlingen, wurde von Marcus Abel, Leiter der Fachstelle Sucht, vorgestellt.  Die „Suchtmedizinische Institutsambulanz befindet sich in Trägerschaft des Zentrums für Psychiatrie Reichenau und bietet Substitutionsbehandlungen für opiatabhängige Menschen an. Der Erfolg des Modellprojektes liegt nach Auffassung von Marcus Abel darin, dass medizinische Behandlung und psychosoziale Betreuung der Suchtkranken unter einem Dach stattfindet. „Eine Opiatabhängigkeit führt neben gesundheitlichen Folgen häufig auch zu einer Beeinträchtigung des gesellschaftlichen und sozialen Lebens,“ so Marcus Abel. Unterstützungsbedarfe gibt es deshalb in Bereichen wie der Tagesstruktur, Arbeitsfähigkeit und Wohnsituation. „Eine Vielzahl der Substituierten haben diese Hürden dank des wohnortnahen Angebotes im Landkreis bewältigt und nehmen aktiv am gesellschaftlichen Leben wieder teil“, freut sich Abel.