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Pressemitteilungen
02.10.2019

Gutachten zur Umstrukturierung des Klinikums Landkreis Tuttlingen liegt vor

Gutachter empfiehlt die stufenweise Zusammenführung der stationären Angebote in Tuttlingen und den Aufbau eines intersektoralen Gesundheitszentrums in Spaichingen

Das Gutachten zur Umstrukturierung des Klinikums Landkreis Tuttlingen und des Standortes Spaichingen wurde durch das beauftragte Büro Oberender aus Bayreuth vorgelegt. In einer Klausursitzung des Kreistags am 27. September stellte der Gutachter die Ergebnisse des Gutachtens und seine Empfehlungen vor.

Auftrag des Gutachters war es, die beiden von Klinikleitung und Landkreis sowie der Klinikinitiative Spaichingen vorgelegten Konzepte zur Weiterentwicklung des Klinikums Landkreis Tuttlingen auf medizinischer, organisatorischer und personeller Basis zu überprüfen und zu bewerten. Des Weiteren sollten mögliche Entwicklungsperspektiven für den Standort Spaichingen sowie die ambulante Versorgung im Landkreis untersucht und daraus Optionen und Empfehlungen für die künftige Ausrichtung abgeleitet werden. Ziel ist es, für die Menschen im Landkreis Tuttlingen eine bestmögliche Gesundheitsversorgung anbieten und sicherstellen zu können.

Über die Vorschläge und Empfehlungen des Gutachtens wird in der öffentlichen Kreistagssitzung am 24. Oktober beraten und weitere Schritte beschlossen werden.

Aus den Ergebnissen der umfassenden Analysen leitet der Gutachter schwerwiegende medizinische und organisatorische Gründe ab, die für eine Verlagerung der stationären Angebote des Standorts Spaichingen an den Standort Tuttlingen sprechen, um das Klinikum Landkreis Tuttlingen langfristig zukunftsfähig aufstellen zu können.

Bei der Bewertung des von der Klinikinitiative vorgelegten Konzeptes äußert der Gutachter Bedenken vor allem im Hinblick auf die personelle Umsetzbarkeit. Auch ein Ausbau der stationären Diabetologie wird aufgrund der zunehmenden Ambulantisierung als schwierig eingeschätzt. Ebenso werden der angedachten Leistungssteigerung in der Geriatrie wenig Chancen zugerechnet. Insgesamt bewertet das Gutachten die Fortführung des Standortes Spaichingen unter dem von der Klinikinitiative vorgeschlagenen Konzept als ökonomisch nicht tragfähige Lösung.

Die Analyse des Gutachtens zeigt zum einen, dass heute rund 79% der Leistungen des Klinikums Landkreis Tuttlingen bereits am Standort Tuttlingen erbracht werden, während 21% der Leistungen auf den Standort Spaichingen entfallen. Aus dem südlichen Landkreis greifen rund zwei Drittel der dort behandelbaren Patienten auf das Tuttlinger Krankenhaus zurück. Aus dem nördlichen Landkreis gehen nur 28% der Patienten mit einer in Spaichingen behandelbaren Krankheit in das Spaichinger Krankenhaus, 22% wenden sich heute schon direkt an das Gesundheitszentrum Tuttlingen. Dies zeigt, dass sich die Bevölkerung losgelöst aller politischen Diskussionen bereits eindeutig hinsichtlich der Standorte orientiert.

Insgesamt wird auch deutlich, dass das Gesundheitszentrum Spaichingen einen geringen Anteil der Grund- und Regelversorgung übernimmt und eher den Charakter einer Fachklinik aufweist. Vor allem in den Fachbereichen Geriatrie und Konservative Orthopädie weist der Standort Spaichingen hohe Marktanteile auf, während er im Bereich der Grund- und Regelversorgung im Vergleich zum Standort Tuttlingen nur wenige Patienten versorgt.

In der Inneren Medizin umfasst das Versorgungsspektrum am Standort Spaichingen bereits heute eine rein konservative Basisversorgung, die komplexen Krankheitsbildern nicht gerecht wird. Die internistische Versorgung stationärer Patienten konzentriert sich daher zu 80% auf den Standort Tuttlingen. Die Fokussierung auf den Tuttlinger Standort spiegelt sich auch in der internistischen Notfallversorgung und in den Einweisungszahlen durch niedergelassene Ärzte wider.

In der Geriatrie werden am Standort Spaichingen zwar Patienten aus dem gesamten Landkreis behandelt, von denen rund zwei Drittel zuvor jedoch eine Behandlung am Standort Tuttlingen erhalten haben. Dies hat einen für die Patienten belastenden Transport sowie spätere Therapiebeginne zur Folge, was sich negativ auf die Genesung und die Verweildauer auswirkt. Nach Ansicht des Gutachters könnten geriatrische Patienten am Standort Tuttlingen deutlich besser versorgt werden, da hier frührehabilitative Maßnahmen wesentlich früher begonnen und damit auch Liegezeiten zum Vorteil der Patienten verkürzt werden können. Die Verlagerung der Geriatrie an den Standort Tuttlingen bietet zudem für die Zukunft Ausbau-Optionen in spezialisierten Bereichen wie der Alterstraumatologie und der neurologisch-geriatrischen Zusammenarbeit.

Schon heute stellt die Findung von ärztlichem und pflegerischem Personal kleinere Krankenhäuser vor große Herausforderungen. Der Gutachter ist überzeugt, dass sich dieser Trend weiter verstärken und die Personalfindung für den Standort Spaichingen zusätzlich erschweren wird. Hinzu kommen gesetzlich vorgegebene Personaluntergrenzen, die in größeren Einheiten besser eingehalten werden könnten. Für eine Zusammenführung der stationären Angebote in Tuttlingen spricht nach Ansicht des Gutachters auch die flexiblere und effektivere Gestaltung von Dienstmodellen und dadurch eine Entlastung des Personals.

Darüber hinaus sprechen auch die Entwicklung des Betriebsergebnisses nach Ansicht des Gutachters für eine Verlagerung der stationären Angebote nach Tuttlingen. Durch die Bündelung von Investitionen an einem Standort, den Wegfall der Patienten- und Materiallogistik sowie Konzentrations- und Synergieeffekte sehen die Gutachter die Chance, das Jahresergebnis des Klinikums auch zukünftig zu stabilisieren. Bei einer Aufrechterhaltung des Status quo würde sich das Betriebsergebnis deutlich verschlechtern. Allerdings überwiegen die medizinischen und organisatorischen Gründe für die Verlagerung in ihrer Bedeutung für die Zukunft des Krankenhauses deutlich gegenüber den ökonomischen Gründen.

Im Bereich der Notfallversorgung sieht der Gutachter auch bei einem Wegfall der Notaufnahme für stationäre Patienten am Standort Spaichingen keine Nachteile für das dortige Einzugsgebiet. Der Notarztstandort und der Rettungsdienst bleiben in Spaichingen vollumfänglich erhalten. Zusätzlich soll ein weiterer Notarztstandort auf dem Heuberg eingerichtet werden. Die ambulante Notfallversorgung der Kassenärztlichen Vereinigung mit der KV-Notfallpraxis in Tuttlingen und den Fahrdiensten sowie Hausbesuchen bleibt unverändert bestehen.

Insgesamt empfiehlt das Gutachten eine Verlagerung der stationären Angebote vom Standort Spaichingen an den Standort Tuttlingen aus medizinischen, organisatorischen, personellen und ökonomischen Gründen. Durch eine Zusammenführung der stationären Angebote wird eine interdisziplinäre Vernetzung und Spezialisierung in einem leistungsfähigeren und breiter aufgestellten Klinikum ermöglicht. Vor allem im Sinne einer bestmöglichen Versorgungsqualität für die Menschen im Landkreis Tuttlingen empfiehlt der Gutachter eine schnellstmögliche Umsetzung dieses Vorschlags.

Darüber hinaus empfiehlt das Gutachten eine Weiterentwicklung des Standorts Spaichingen im ambulanten Bereich durch den Aufbau einer neuen sektorenübergreifenden Versorgung ergänzend zum heutigen MVZ. Dafür sieht der Gutachter die Möglichkeit, ein Intersektorales Gesundheitszentrum (IGZ) am Standort Spaichingen zu etablieren, das den lokalen medizinischen Versorgungsbedarf decken kann. Mit Schwerpunkt auf allgemeinärztlichen, internistischen und hausärztlichen Angeboten soll die klassische ambulante Versorgung um eine erweiterte ambulante Versorgung (EAV) ergänzt werden. Dazu gehört auch eine bettenführende Einheit mit acht bis 15 Betten zur wohnortnahen medizinischen und pflegerischen Versorgung. Dieser Ansatz bietet die Chance, der zunehmenden Ambulantisierung gerecht zu werden. Zudem bietet er neuen Hausärzten Anreize, im nördlichen Landkreis tätig zu werden, ohne sich selbständig machen zu müssen und mit der Möglichkeit der flexiblen Arbeitszeitgestaltung.