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Pressemitteilungen
09.09.2020

3 Jahre und 1 Tag: Wandergesellin Lisa zu Besuch bei Landrat Stefan Bär im Landratsamt Tuttlingen

Was für viele wie eine weitentfernte Phantasie klingt, wurde für die Münchenerin Lisa zur Realität. Vor rund zwei Jahren erfüllte sie sich den Traum und machte sich als gelernte Brauerin auf den Weg der Walz. 

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Wandergesellin Lisa fremde Brauerin

Der Begriff der Walz bezeichnet die Wanderschaft eines Handwerksgesellen nach Abschluss seiner Gesellenprüfung und der Freisprechung durch seinen Meister. Seit dem 12. Jahrhundert ziehen junge Handwerker durchs Land, um andere Regionen, Kulturen und vor allem neue Fertigkeiten in ihrem Gewerk kennenzulernen. Wer auf die Walz gehen will, hat zwei Möglichkeiten. Entweder er schließt sich einer der Schächte - also Handwerkervereinigungen - an oder geht als Freireisender auf Wanderschaft. Jeder Schacht hat seine eigenen Riten und Regeln, dazu gehört auch die Kleidung, die während der Walz getragen wird. Dass Frauen auf der Walz sind ist ein noch relativ junges Phänomen. Frauen sind in den alten traditionellen Schächten nicht zugelassen. Und so reist Lisa als Angehörige des Schachts „Die vereinigten Löwenbrüder und Schwestern Europas“. Ein Schacht, der sich erst im April 2016 gegründet hat und alle Lebensmittelhandwerke miteinander vereint. Ihre Kluft schützt sie, erklärt Lisa nicht ohne Stolz, denn weltweit genießen Gesellen auf Wanderschaft einen sehr guten Ruf. Damit das auch so bleibt, achten Wandergesellen untereinander darauf, dass Traditionen gepflegt und Regeln eingehalten werden. Fünf Kriterien müssen bereits erfüllt sein, bevor es losgehen kann. Wandernde Gesellen müssen jünger als 30 sein, unverheiratet, kinderlos, schuldenfrei und sie dürfen nicht vorbestraft sein. Auch die Nutzung eines Handys ist verboten. Das stört Lisa nicht. Im Gegenteil. Sie empfindet es als Bereicherung, dass sich ihr Leben seither entschleunigt hat und sie in Momenten der Begegnung ihre Gesprächspartner viel intensiver wahrnehmen kann. „Der Moment und die Begegnung ist gut wie sie ist und man vermittelt seinem Gegenüber nicht mit dem Blick aufs Handy, dass es eigentlich noch eine andere, bessere Option gäbe.“

So wie diese Regeln steht auch die Kluft der Wandergesellen in einer langen Tradition. Dazu gehören Zunfthose, Zunftweste, Zunftsakko und eine Staude zum drunter ziehen. Echte Kenner können anhand der Farben bereits erkennen, um welches Gewerk es sich handelt. So tragen beispielsweise Reisende der Lebensmittelhandwerke das sogenannte Hahnentrittmuster (Pepita), Schneider reisen in Rot, die Bauhandwerke in grau und die Zimmerer in schwarz - der gängigen und bekanntesten Kluft. Als Frau hatte Lisa das Bedürfnis in einem Rock zu reisen, den sie sich für ihre Wanderjahre hat extra anfertigen lassen. Auch darf ein schwarzer Hut, zum Beispiel eine Melone oder ein Koks, nicht fehlen. Der Hut galt damals als Zeichen des freien Mannes und durfte erst nach der Freisprechung durch den Lehrherren aufgesetzt werden. Das Tragen des Hutes unterliegt sehr strengen Regeln, weshalb dieser auch nur sehr selten und nur zu besonderen Anlässen abgelegt wird. Der Wanderstock, der als Stenz bezeichnet wird, und das Charlottenburger (Bündel für das Wenige Hab und Gut) komplettieren die Kluft.

Die Kluft hilft gegen die Einsamkeit und eröffnet den Gesellen viele Türen. Außerdem stärkt die Kluft das Zugehörigkeitsgefühl unter den Wandernden. Bis heute verbinden die Menschen vor allem in Deutschland mit der Kluft alte Traditionen, Werte und handwerkliches Können. „Das hilft ungemein, wenn es darum geht einen Schlafplatz oder eine Mitfahrgelegenheit zu finden“, erzählt Lisa.

Doch was hat Lisa motiviert einen so außergewöhnlichen Beruf, wie den des Bierbrauens zu erlernen? Drauf gekommen ist die heute 26-Jährige nach mehreren Auslandsaufenthalten, u. a. in den USA und in Neuseeland. Während ihrer Schulzeit wohnte Lisa unweit der Paulaner-Brauerei in München und bei einem Schüleraustausch in den USA musste sie ein Referat halten über etwas, das typisch deutsch ist. „So habe ich mich das erste Mal sehr intensiv mit der Materie des Bierbrauens beschäftigt und habe festgestellt, wie komplex das Ganze ist“, erklärt die Brauerin begeistert. Ziemlich schnell war ihr dann klar, dass sie auf keinen Fall studieren würde, denn mit dem Abitur in der Tasche hätte sie sich damals auch auf einen Studienplatz, zum Beispiel für Politikwissenschaften, bewerben können. Lisa ist dem Ruf des Handwerks gefolgt und hat im Brauereihandwerk ihre Berufung gefunden. Gelernt hat sie in Freisingen, in der Forschungsbrauerei der TU.

In Tuttlingen gefällt es Lisa. Hier erwartet sie in wenigen Tagen eine neue Wandergesellin - eine Winzerin. Lisa wird sich als „Exportgesellin“ die ersten Monate um die Winzerin kümmern und sie in die Gepflogenheiten des reisenden Handwerks einweisen. Derzeit trifft sie alle Vorbereitungen, um den Start in das neue Leben zu gestalten. 

Mehr Informationen zum Thema Walz finden sie u. a. auf der Homepage des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) www.zdh.de