Direkt zu:
Seniorenpolitische Konzeption_Header

7.2 Senioren mit Behinderungen (Eingliederungshilfe nach dem SGB IIX)

Personen mit einer wesentlichen Behinderung32 erhalten Leistungen der Eingliederungshilfe, solange die Aussicht besteht, dass eine Behinderung oder deren Folgen zu mildern und die Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft einzugliedern sind. Hierzu gehört insbesondere, ihnen die Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen oder sie so weit wie möglich unabhängig von äußeren Hilfen zu machen.

Zum 30.06.2016 erhielten im Landkreis Tuttlingen insgesamt 34 Menschen mit Behinderung über 65 Jahren Leistungen der Eingliederungshilfe.

 

Altersstufen
55 - 60
Jahre
60 - 64
Jahre
65 - 69
Jahre
70 - 74
Jahre
Über 75
Jahre
Personen
52
26 15 11 8
davon
*
H
I
L
F
E
N
Stationäres
Wohnen
18
16 7 8 7
Ambulantes
Wohnen
15
5 8 2 1
Werkstatt
33
14 - - 1
Betreuung
und Pflege
8
8 7 9 5

Tabelle 2: Menschen im Alter über 55 Jahre mit Leistungen der Eingliederungshilfe im Landkreis Tuttlingen

Da unter der Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland die meisten Menschen mit Behinderung ermordet wurden, ist die Zahl der über 65jährigen heute gering. Es ist damit zu rechnen, dass diese Zahl in den nächsten Jahren zunehmen wird. Tabelle 2 zeigt, dass es in den Altersgruppen der 55 bis 60 und der 60 bis 65jährigen bereits deutlich mehr Menschen mit Behinderungen gibt. Hochaltrigkeit bei Menschen mit Behinderung und deren Bedarf an einer vermehrt pflegerischen Unterstützung ist in Deutschland ein relativ neues Phänomen.33

Tagesstrukturierende Angebote für Senioren mit Behinderungen werden in der Behindertenhilfe bisher vorwiegend in speziellen Tagesgruppen oder Seniorentagesstätten erbracht. Art und Umfang des Angebots umfassen Freizeitgestaltung, Bildung, Alltagsbewältigung, hauswirtschaftliche Versorgung, Pflege, Gesundheit und den Kontakt zu Angehörigen[2]. Als Alternative zu einer Tagesstrukturierung der Behindertenhilfe können vor allem für privat und ambulant betreut wohnende Menschen Regelangebote der Altenhilfe erschlossen werden. Dabei ist die Inklusion und das Normalisierungsprinzip maßgeblich, das heißt die Orientierung solcher Angebote erfolgt am Bedarf nicht-behinderter Menschen nach Ausscheiden aus dem Arbeitsleben.

Beim Eintritt einer Pflegebedürftigkeit stellt sich sowohl für die Menschen, die derzeit in einer Einrichtung leben, als auch für Menschen, die mit unterschiedlichen Unterstützungs-maßnahmen alleine wohnen, die Frage nach möglichen Wohn- und Betreuungsformen. Auch hier gilt die Maxime, dass der alte Mensch, ob behindert oder nicht, solange als möglich in seiner selbst gewählten Wohnform leben soll. Besonders bei Menschen mit Behinderung steigt der Pflegebedarf mit dem Alter an, da sie häufiger oder auch früher an somatischen (Alters-) Erkrankungen leiden. Beachtet man zusätzlich den Auftrag zur Inklusion durch die UN-Behindertenrechtskonvention, stellt sich in der Versorgung wesentlich behinderter Menschen die Frage, wie die Maxime der Inklusion mit einer qualitätsvollen Unterstützung alter und pflegebedürftiger behinderter Menschen unter Wahrung der Bedarfe im Einzelfall aussehen kann.

Gemeinsam mit den Betroffenen, ihren Angehörigen oder gesetzlichen Vertretern sowie den bisherigen Bezugspersonen soll die Hilfe im Alter und bei Pflegebedürftigkeit so individuell als möglich zusammengestellt werden. Mit der Methode „Persönliche Zukunftsplanung“ hat der KVJS dazu eine besonders wirksame Form der Hilfeplanung mit entwickelt und etabliert.

Die Gruppe der Senioren mit Behinderung ist im Vergleich zu der Gruppe nicht-behinderter Senioren noch heterogener und die Bedarfe unterschiedlicher. Daher müssen alternative Formen der Versorgung und Lösungsmöglichkeiten für Senioren mit Behinderungen gefunden werden.

Wir stehen in diesem Bereich allerdings noch am Anfang einer notwendigen Weiterentwicklung.

32 Nach dem Verständnis des Sozialgesetzbuches IX gelten Menschen als behindert, wenn ihre körperlichen Funktionen, geistigen Fähigkeiten oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.

33 Köhncke, Ylva, 2009: Alt und behindert. Wie sich der demografische Wandel auf das Leben von Menschen mit Behinderung auswirkt. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, S. 34.

34 Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (Hrsg.), 2012: Neue Bausteine in der Eingliederungshilfe. Erfahrungsberichte aus den Modellprojekten 2008 bis 2010. Stuttgart.

zurück