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7.1 Senioren mit Migrationshintergrund

Senioren mit Migrationshintergrund27 treten zunehmend ins Bewusstsein der Altenhilfe. Auch wenn bislang nur relativ wenig ältere Menschen mit Migrationshintergrund hier leben, kann davon ausgegangen werden, dass ihre Zahl stetig zunehmen wird. Das Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg geht von einem voraussichtlichen Anstieg der Zahl älterer Migranten auf über 300.000 bis zum Jahr 2020 aus.28

Im Rahmen der Zensuserhebung 2011 wurden zuletzt altersspezifische Informationen erhoben. Im Landkreis Tuttlingen gab es im Jahr 2011 4070 Personen mit Migrationshintergrund über
65 Jahre. Dies entspricht einem Anteil von 15,4 Prozent. Demgegenüber beträgt der Anteil an in Baden-Württemberg nur 10,1 Prozent. Der Landkreis Tuttlingen verfügt damit über einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Senioren mit Migrationshintergrund.

Alt e r
Menschen ohne
Migrationshintergrund
Menschen mit
Migrationshintergrund
65-74 Jahre
11.680 2.430
älter als 75 Jahre
 9.590 1.640
Summe 65 Jahre
und älter
21.270 4.070

Tabelle 1: Menschen im Alter über 65 Jahre mit und ohne Migrationshintergrund bei der Zensuserhebung 2011 im Landkreis Tuttlingen

Von den Menschen, die durch ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen in Baden-Württemberg versorgt werden, haben rund 11 Prozent einen Migrationshintergrund. Die Mehrzahl der Personen mit eigener Migrationserfahrung, die in Baden-Württemberg stationär in Pflegeeinrichtungen versorgt werden, stammt aus Polen, Russland, Rumänien und Ungarn. Daneben sind auch Pflegebedürftige aus Italien, Tschechien, Kroatien und der Türkei stark vertreten.

Unter den ambulant Versorgten stammen die meisten Personen mit eigener Migrationserfahrung aus der Türkei, Russland, Italien und Kroatien. In der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg kommt im Vergleich zu anderen Regionen in Baden-Württemberg von den pflegerisch versorgten Menschen mit Migrationshintergrund mit 36 Prozent ein überdurchschnittlich großer Anteil aus Russland. Weitere große Gruppen in der Region kommen aus Polen (10,5 Prozent) und Kasachstan (6,5 Prozent).29

Senioren mit Migrationshintergrund sind eine stark differenzierte Gruppe mit unterschiedlichen Lebensumständen und Bedürfnissen. Sie unterscheiden sich in kultureller und ethnischer Hinsicht und sind zu unterschiedlichen Zeiten und aus verschiedenen Gründen nach Deutschland gekommen. Schwierigkeiten älterer Migrantengenerationen ergeben sich nicht selten aus ihren mangelhaften Sprachkenntnissen und ihrer meist schlechteren finanziellen Stellung im Vergleich zur gleichaltrigen deutschen Bevölkerung. Erschwerend kann hinzukommen, dass sich einige der älteren Migranten ihren Ruhestand in ihrem eigenen Häuschen im Heimatland vorgestellt haben und stattdessen nun den Lebensabend „in der Fremde“ verbringen müssen. Dies kann das Lebensgefühl vieler dieser Senioren nachdrücklich beeinträchtigen.

Studien belegen, dass Generationenbeziehungen unter Migranten eine bedeutsame Rolle spielen. Es ist allerdings davon auszugehen, dass die hohe familiäre Stabilität und das hohe Unterstützungspotenzial durch die Ausdünnung sozialer Netzwerke, steigender Frauen-erwerbsquote und zunehmender räumlicher Distanzen zwischen den Familienangehörigen auch bei Migrantenfamilien zukünftig nicht mehr in dem gleichen Maße greifen können wie bisher.30

Älteren Migranten fehlen häufig Informationen zu den Angeboten der Altenhilfe. Erfahrungen zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund Unterstützung und Beratung nicht in gleichem Ausmaß wahrnehmen wie Menschen ohne Migrationshintergrund. Daher muss die Altenhilfeplanung gemeinsam mit weiteren Akteuren auf diese anwachsende Gruppe mit ihren spezifischen Lebenslagen und Bedürfnissen aufmerksam machen und Vorschläge für geeignete Angebote und Unterstützungsleistungen entwickeln. Wichtig ist vor allem ein gleichberechtigter Zugang zu Beratung, Unterstützung und Pflege.

Im Landkreis Tuttlingen wird im Rahmen des Innovationsprogramms Pflege 2016 ein Projekt zur Demenz- und Pflegebegleiterschulung für türkische Migrantinnen gefördert. Ziel ist die Verbesserung der Unterstützung von Familien mit Migrationshintergrund bei der Pflege ihrer Angehörigen. Geplant ist ein Kursangebot zur Kompetenzerweiterung für Frauen, die pflegerisch tätig sind. Die einzelnen Module werden in deutscher Sprache gehalten, jedoch zusätzlich unterstützt durch türkisch sprechende Fachkräfte. Im Anschluss an die Qualifizierung sollen die Frauen als Multiplikatorinnen ihr Wissen weitergeben. Angesichts der Tatsache, dass ältere Migranten mit Demenz die deutsche Sprache, wenn sie diese erst zu einem späteren Zeitpunkt in ihrem Leben erworben haben, im Verlauf der Erkrankung oftmals vergessen, erscheint die Ausweitung solcher Projekte sinnvoll.31 


27 Laut Definition des Statistischen Bundesamtes sind Menschen mit Migrationshintergrund im weiteren Sinne "alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“ (Statistisches Bundesamt 2010: Fachserie 1, Reihe 2.2, Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, Bevölkerung mit Migrationshintergrund, S. 5 )

28 Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren Baden-Württemberg 2014.

29 Gladis, Sasika/Kowoll, Magdalena/Schröder, Johannes, 2014: Versorgungssituation älterer Menschen mit Migrationshintergrund in der Pflege. Heidelberg.

30 Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, 2012: Ältere Migranten und Migrantinnen. Entwicklungen, Lebenslagen, Perspektiven. Forschungsbericht Nürnberg, S. 7f.

31 Sütterlin, Sabine/Hoßmann, Iris/Klingholz, Reiner, 2011: Demenz-Report. Wie sich die Regionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf die Alterung der Gesellschaft vorbereiten können. Berlin-Institut, S. 41.


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