Diese Webseite verwendet Cookies, um das Sammeln und Analysieren statistischer Daten in anonymisierter Form zu ermöglichen.
Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.
Weitere Informationen erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Direkt zu:
Pressemitteilungen
19.12.2019

Start der Kampagne »Eure Sorge fesselt mich«: Landkreis will freiheitsentziehende Maßnahmen in der Pflege und Betreuung von bedürftigen Menschen reduzieren

Die Pflege von meist älteren Angehörigen stellt Pflegekräfte, Familien und Lebenspartner oftmals vor große Herausforderungen. Dabei kommt es durchaus vor, dass demenziell Beeinträchtige mit „Weglauftendenzen“ im Zimmer eingeschlossen werden, dass pflegebedürftige Menschen mit Gurten an Betten fixiert oder mit der Verabreichung entsprechender Medikamente ruhiggestellt werden. All diese Maßnahmen zählen zu den freiheitsentziehenden Maßnahmen. Laut Untersuchungen werden deutschlandweit bis zu zehn Prozent aller Pflegeheimbewohner im Stuhl oder Bett angegurtet. Statistische Berücksichtigung finden hierbei nur jene Maßnahmen, die von Betreuungsgerichten genehmigt wurden. „Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher, vor allem dann, wenn wir das häusliche Umfeld mit einbeziehen“, erklärt der Sozialdezernent des Landratsamtes Tuttlingen, Bernd Mager. „In den allermeisten Fällen funktioniert die Pflege sehr gut. Aber es gibt Fälle, bei denen Angehörige oder auch Fachkräfte an Grenzen kommen und mit der Pflege überfordert sind. Hier gilt es, Unterstützung und Hilfe anzubieten und über Alternativen nachzudenken“.

Großes Bild anzeigen
Fachtagung im Landkreis Tuttlingen: Führungskräfte von Pflegeheimen, ambulanter Pflegedienste, Justiz und Betreuungsbehörden mit Vertretern des Landratsamtes

Fachtagung im Landkreis Tuttlingen

Auf Einladung des Landkreises haben sich jüngst zahlreiche Führungskräfte von Pflegeheimen, ambulanter Pflegedienste, Justiz und Betreuungsbehörden mit Vertretern des Landratsamtes zu einer Fachtagung in Tuttlingen getroffen. Das langfristige Ziel ist, freiheitsentziehende Maßnahmen, wie beispielsweise das körpernahe Fixieren am Bett, zu reduzieren.

Kampagnenoffensive will sensibilisieren und nicht moralisieren

Die Kampagne „Eure Sorge fesselt mich“, die am selben Tag angestoßen wurde, soll die Initiative öffentlichkeitswirksam kommunizieren und Bürgerinnen und Bürger für das Thema sensibilisieren. „Wir wollen sensibilisieren und nicht moralisieren“, das habe oberste Priorität, ergänzt Marianne Thoma, Leiterin der Fachstelle für Pflege und Selbsthilfe im Landratsamt Tuttlingen. „Es geht darum Chancen aufzuzeigen und Betroffenen Lösungen an die Hand zu geben, um Alternativen zu finden, die freiheitsentziehende Maßnahmen zu reduzieren oder ganz zu ersetzen“. Dabei erhält die Initiative prominente Unterstützung seitens des Justizministers von Baden-Württemberg, Guido Wolf, der Schirmherr der Kampagne „Eure Sorge fesselt mich“ ist. In seiner Begrüßung wies der Minister darauf hin, dass die Anzahl der von Richterinnen und Richtern angeordneten freiheitsentziehenden Maßnahmen in den letzten Jahren gestiegen sei. Nun müssen Möglichkeiten gefunden werden, um die Zahl dieser Eingriffe zu reduzieren - und zwar möglichst im ambulanten, wie im stationären Bereich.

Der Landkreis Tuttlingen gehört zu den ersten Landkreisen in Baden-Württemberg, der sich dafür stark macht, freiheitsentziehende Maßnahmen bei pflegebedürftigen Menschen zu reduzieren. Ein Novum ist, den Fokus auf die häusliche Pflege zu richten. Mit ersten Schulungsprogrammen für Fachkräfte aus dem ambulanten und stationären Bereich soll bereits im Januar 2020 begonnen werden. „Wir sind sehr dankbar dafür, dass viele Pflegekräfte und die stationären und ambulanten Träger großes Interesse an dieser Weiterbildung haben. Dies bietet gute Chancen, dieses Konzept erfolgreich umzusetzen“, so der Sozialdezernent Bernd Mager.

Seit 2018 setzt der Landkreis Tuttlingen das Projekt „Erwachsenenschutzkonzept“ sukzessive um, so dass die Situation von pflegebedürftigen Menschen im Landkreis weiter verbessert werden kann. Die Kampagne „Eure Sorge fesselt mich“ ist ein wichtiger Baustein im „Erwachsenenschutzkonzept“ und wird vom Sozialministerium Baden-Württemberg finanziell gefördert. Die konzeptionelle Umsetzung und Begleitung liegt in der Hand des Instituts agp Sozialforschung der evangelischen Hochschule Freiburg (Herr Professor Dr. Klie).